Wendershagen

 

Wendershagen, abgelegen von den großen Verkehrsstraßen, umgrenzt von herrlichen Waldungen des Wildenburgischen, gilt mit Recht als Idyll unter dem an schmucken Dörfern wahrlich nicht armen Bergischen Lande. Seiner landschaftlich so schönen Lage mag es zuzuschreiben sein, daß alljährlich viele Menschen aus dem rhein.-westf. Industriegebiet hier Erholung finden und sich ihrer Ferientage gerne erinnern. Dank seiner Abgeschiedenheit konnte sich trotz zivilisatorischem und technischem Fortschritt vieles erhalten, was der Volkskundler dörfliche, kulturelle Eigenart in Lebensstil, Sprache, Brauchtum und Sitte nennt. Urväterart in Siedlungsform, Lebensschau und Wirtschaft wird hier noch gewertet, ohne das nützliche Neue abzulehnen. Nicht von ungefähr mag es herrühren, daß sich hier in der Stille im Jahre 1921 eine Feuerwehr gründete, mit dem Ziel, Menschen und Tiere, Hab und Gut vor Feuersbrünsten zu schützen. Ein schöner Ausdruck der Hilfsbereitschaft und dörflichen Gemeinschaftssinnes.

Wendershagen ist, geschichtlich gesehen, eine alte Siedlung. Seine Gründung verliert sich in die frühgeschichtliche Zeit. Der Name verrät uns einiges. Hag bedeutet eingehegter Platz oder Wald oder Ort in einer Waldeinfriedung. Fränkisch war auch die Form des Wohnhauses, sie läßt sich leicht in ihrer Urgestalt an Scheunen, die ehedem als Wohnhaus entstanden, erkennen. Wenn Morsbach als “Eigen von Morsbach” Grenzgebiet zwischen den Herrschaften Homburg, Berg und Wildenburg war und so auf eine wechselhafte Geschichte zurückblickt, gilt das in noch höherem Maße von den direkt an der Grenze genannter Herrschaften gelegenen Siedlungen, deren Fluren und Waldungen oft umstrittener Besitz darstellen. Was wir heute im Ellinger “Grund” als geschlossenen Bezirk vor uns sehen, war es längst nicht immer. Zeitweise gehörten die Orte Wendershagen und Korseifen dem Wildenburgischem zu, während Ellingen und Warnsbach die Homburger zu ihren Herren hatten, so um 1537. Jahrhunderte seiner geschichtlichen Vergangenheit gehörte Wendershagen mit dem “Grund” zum bergischen Amt Windeck.

Ellingen, zu dessen Bezirk Wendershagen gehört, muß ein stattlicher Herrensitz gewesen sein, dessen zeitlicher geschichtlicher Ursprung man in den Anfang des 15. Jahrhunderts datieren kann. Von diesem Adelssitz hing auch der Hof Halle ab. Bis zum Siegburger Vertrag im Jahre 1604 war das adlige Gut Ellingen ein wildenburgisches Lehen und gehörte ab genanntem Jahr zum Gebiet des Herzogtums Berg. Der Name Ellingen wird in einer Urkunde vom Jahre 1517 genannt. In ihr ist von einem Johann von Dietzenkausen die Rede, der sich Ellyngen nennt. Durch Heirat ist wahrscheinlich das Ellinger Gut in den Besitz derer von Dietzenkausen gelangt, die Urkunden in Verbindung mit ihrem Namen als “Dietzenkausen, genannt Ellyngen”, unterzeichnen.

Später erwarb die angesehene Adelsfamilie von Ley durch Kauf Gut Ellingen. Generationen hindurch war die Ellingen Burg diesem angesehenen Geschlecht Vaterhaus und Stammsitz. Daraus lassen sich sicherlich Schlüsse auf Stattlichkeit ziehen. Ein Heinrich v. Ley, der 1700 in Ellingen starb, liegt im Chor der Morsbacher Kirche begraben. Sein Sohn Adam Max war Rat und Syndikus der Reichsstadt Köln. Man darf annehmen, daß er die Ellinger Kapelle erbauen ließ, wie aus der Aufschrift auf der Kapellenglocke zu schließen ist: 1703, v. Ley. Einer seiner Söhne war Dechant an St. Kunibert in Köln, ein anderer Kaiserlicher Hofrat am Wiener Hof. Auch er, nebst seinem Bruder in Ellingen geboren, bekleidete vor der Ernennung zum Kaiserlichen Rat das Amt eines Rates der Stadt Köln.

Später gingen beide Güter durch Verkauf in bürgerlichen Besitz über. Die Kriegsunruhen des Mittelalters verschonten mit ihren Schrecken auch unsere Heimat trotz ihrer Abgelegenheit nicht. Plünderung, Gewalttat und Brandschatzung sind aus alten Akten ersichtlich. So berichten die Odenspieler Kirchenakten, daß ein Kirchengut in Wendershagen durch den Dreißigjährigen Krieg so heruntergekommen war, daß es 1639 verkauft werden mußte.

Nicht minder schreckensvoll gestalteten sich für unsere Gegend die französischen Revolutionskriege. Die Franzosen richteten bei Erdingen ein Heerlager ein. Was sie nicht durch die Kontributionen erhielten, verschafften sie sich mit Gewalt. Ob Franzosen oder Kaiserliche oder in den Befreiungskriegen Russen, die Belastungen, die man, ungeachtet des kargen Bodens, der bäuerlichen Bevölkerung auferlegte, waren unerträglich.

Der Wiener Kongreß brachte unsere Heimat unter preußische Verwaltung. Es begann eine Zeit wirtschaftlichen und geistigen Aufstiegs. Neue Verkehrsstraßen und die Eisenbahnen brachten wirtschaftlichen Aufschwung.

Viele unserer Söhne zogen in den beiden Weltkriegen hinaus, ohne ihre Heimat wiederzusehen. Unser Ehrenmal erinnert an das große Opfer, das sie für uns brachten. Blumen und Kränze bezeugen, daß die Heimat ihrer nicht vergißt.

Spärlich sind die Urkunden, die über unsere historische Vergangenheit berichten, spärlich aus geschichtlichen Dokumenten. Manches hat sich Sprache, Sage, Sitte und Brauchtum aber auch in der Erinnerung unserer Alten überliefert. Kein Ritter mehr reitet mit Schwert und Schild durch das stille des “Grundes”. Kein Edelfräulein mehr begrüßt auf dem Burghof vornehme ritterliche Gäste. Hin und wieder aber soll der Wanderer in der Abendstille das Rauschen von Kleidern vernehmen, wenn er an der Kapelle sich nach Wendershagen zuwendet. - Gewesen -. Geblieben aber ist die Schönheit der “Roemeriken Berge”, die Treue und Heimatliebe ihrer Menschen, die auch heute noch gerne den Erzählungen aus der Vergangenheit lauschen, mag dazu ein Flurname, ein altes Anwesen oder der Wortschatz unserer Mundart Anlaß geben -.

Wie sagt der Dichter noch?

“ Der ist in tiefster Seele treu,

der die Heimat so liebt wie du!”